Sie haben eine MRT der Lendenwirbelsäule gemacht und lesen jetzt Begriffe wie Protrusion, Spinalkanalstenose oder Osteochondrose — und wissen nicht, was das für Sie bedeutet. Das ist normal: Radiologische Befunde sind für Fachpersonal geschrieben, nicht für Patientinnen und Patienten. In diesem Artikel erkläre ich Ihnen als Fachärztin für Radiologie, was die häufigsten Befunde bedeuten — und was davon wirklich wichtig ist.
PD Dr. med. Bettina Baeßler erklärt: MRT der Lendenwirbelsäule — Was Sie auf Ihren Bildern erkennen können
Stellen Sie sich vor, Sie bringen Ihr Auto zur Inspektion. Der Mechaniker hebt es auf die Hebebühne und findet — wie immer — etwas: ein bisschen Rost, abgenutzte Bremsbeläge, einen kleinen Ölfleck. Ist Ihr Auto deshalb kaputt? Nein. Das sind Gebrauchsspuren, normal für ein Auto mit ein paar Jahren auf dem Buckel.
Genauso ist es mit einer MRT der Lendenwirbelsäule (LWS). Ab einem bestimmten Alter finden wir bei fast jedem Menschen etwas — das ist keine Ausnahme, das ist die Regel. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Sieht man etwas? — sondern: Passt das, was wir sehen, zu Ihren Beschwerden?
Dazu gleich mehr. Aber zuerst: Was schauen wir Radiologinnen und Radiologen bei einem LWS-MRT überhaupt an?
Eine MRT zeigt unglaublich viele Details gleichzeitig — deshalb arbeiten wir nach einem festen Schema und beurteilen fünf Hauptbereiche:
Und dann kommt der wichtigste Schritt: Wir setzen das, was wir sehen, in Bezug zu Ihren Beschwerden. Ein Bild allein macht noch keine Diagnose.
Die Bandscheibe ist der Stoßdämpfer zwischen zwei Wirbelkörpern — außen ein fester Faserring, innen ein gelartiger Kern. Mit dem Alter verliert sie Wasser, wird flacher und weniger elastisch. Es gibt vier Schweregrade, die Sie im Befund finden können:
Bulging — die Bandscheibe wölbt sich gleichmäßig nach allen Seiten vor, wie ein Kissen unter Druck. Der Faserring ist noch intakt. Häufig, oft ohne Beschwerden, oft ein normales Alterszeichen.
Protrusion — die Vorwölbung ist nicht mehr gleichmäßig, sondern an einer Stelle fokussiert. Der Faserring hält noch, gibt aber an einer Stelle nach. Ob das Beschwerden verursacht, hängt einzig davon ab, ob dabei eine Nervenwurzel bedrängt wird.
Extrusion — der Faserring ist gerissen. Bandscheibengewebe ist in den Spinalkanal ausgetreten. Das klingt dramatisch — führt aber nur dann zu Problemen, wenn es auf eine Nervenwurzel drückt.
Sequester — ein Stück Bandscheibengewebe hat sich vollständig abgelöst und liegt frei im Spinalkanal. Paradoxerweise haben freie Sequester manchmal eine gute Prognose: Das Immunsystem erkennt das Fremdgewebe und baut es über Monate ab. Der Körper heilt sich selbst.
Das Wichtigste: Sie können einen massiven Sequester haben und gar nichts davon merken — weil er zufällig an einer Stelle liegt, wo er keine Nerven berührt. Und eine kleine Protrusion kann starke Schmerzen auslösen, wenn sie exakt am Nervenaustrittspunkt sitzt. Das Bild allein sagt nichts über Ihre Beschwerden aus.
Studien zeigen: Bei 80 Prozent der 50-Jährigen ohne Rückenschmerzen findet sich im MRT eine Bandscheibendegeneration. Bei 80-Jährigen haben 43 Prozent sogar einen echten Bandscheibenvorfall — ohne es zu merken.
Der Spinalkanal ist der Kanal, durch den die Nervenwurzeln verlaufen. Bei einer Stenose wird dieser Kanal zu eng — meist durch eine Kombination aus vorgewölbten Bandscheiben, verdickten Wirbelgelenken und einem verdickten Band im Kanal.
Das typische Symptom: Nach einigen hundert Metern werden die Beine schwer, kribbeln oder schmerzen — aber wenn man sich vornüberbeugt (etwa am Einkaufswagen) oder hinsetzt, wird es besser. Durch das Vornüberbeugen weitet sich der Spinalkanal minimal, der Druck auf die Nerven lässt nach. Dieses Phänomen nennt man Claudicatio spinalis.
Auch hier gilt: Eine Stenose im MRT bedeutet nicht automatisch eine Operation. Viele Menschen haben eine Stenose und keine Beschwerden. Erst wenn konservative Maßnahmen ausgeschöpft sind und die Lebensqualität massiv eingeschränkt ist, wird operiert.
Osteochondrose bezeichnet den Verschleiß von Bandscheibe und den angrenzenden Wirbelknochen. Sie sehen das im Befund als Veränderungen an den Deck- und Bodenplatten der Wirbelkörper, manchmal mit dem Begriff Modic klassifiziert. Das sind Zeichen von Umbauprozessen — kein Tumor, keine Infektion.
Spondylarthrose ist Arthrose der kleinen Wirbelgelenke (Facettengelenke). Knöcherne Anbauten (Osteophyten) formen sich, die Gelenkkapsel verdickt sich. Das kann zusätzlich Nervenaustrittslöcher einengen. Beschwerden entstehen in der Regel nur, wenn diese Gelenke „aktiviert“ sind — also akut entzündet.
Beide Befunde sind ab einem gewissen Alter völlig normal. Wie graue Haare.
Es gibt Symptome, bei denen Sie nicht abwarten sollten:
Diese Symptome können auf ein Cauda-equina-Syndrom oder andere ernste Ursachen hinweisen. Sofort in die Notaufnahme.
Wenn Sie nach dem Arztgespräch noch Fragen haben oder das Gefühl, dass Ihr Befund nicht vollständig erklärt wurde — ich biete eine radiologische Zweitmeinung an. Digital, persönlich, fachkundig.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an Ihren behandelnden Arzt.
Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.
Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.