Lungenkrebsscreening in Deutschland: Wer hat Anspruch - und was passiert bei der Untersuchung?

Seit April 2026 ist das Lungenkrebsscreening eine Kassenleistung in Deutschland — kostenlos, für Millionen Menschen. Aber viele wissen noch nicht, ob sie Anspruch haben, wie sie sich anmelden und was sie bei der Untersuchung erwartet. In diesem Artikel erkläre ich Ihnen als Fachärztin für Radiologie, was dieses Programm leistet, wer teilnehmen kann und wie der Ablauf konkret aussieht.

PD Dr. med. Bettina Baeßler erklärt: Lungenkrebsscreening – Was Sie als Patient:in wissen sollten

Warum gibt es dieses Screening?

Lungenkrebs ist in Deutschland die häufigste krebsbedingte Todesursache — bei Männern und bei Frauen. Der Grund: Lungenkrebs macht sehr lange keinerlei Beschwerden. Kein Husten, keine Schmerzen, keine Warnsignale — bis der Tumor so weit fortgeschritten ist, dass er sich bemerkbar macht. Zu diesem Zeitpunkt ist die Prognose oft schlecht.

Die Zahlen machen den Unterschied deutlich: Die 5-Jahres-Überlebensrate im frühen Stadium liegt bei über 70 %. Im späten Stadium unter 10 %. Ziel des Screenings ist es, den Tumor zu finden, bevor er Beschwerden macht — gezielt bei den Menschen, deren Risiko hoch genug ist, dass der Nutzen die Risiken der Untersuchung überwiegt.

Dass das funktioniert, belegen zwei große wissenschaftliche Studien: die amerikanische NLST-Studie mit über 53.000 Teilnehmern zeigte eine Reduktion der Lungenkrebssterblichkeit um 20 %, die europäische NELSON-Studie sogar um 24 % bei Männern und 33 % bei Frauen. Auf Basis dieser Daten hat das Bundesamt für Strahlenschutz den Nutzen gegen die Risiken abgewogen — und grünes Licht gegeben. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat das Screening daraufhin als Kassenleistung aufgenommen.

Wer hat Anspruch? Die Kriterien im Überblick

Die Teilnahmekriterien sind gesetzlich festgelegt und müssen alle gleichzeitig erfüllt sein:

Alter: Sie müssen zwischen 50 und 75 Jahre alt sein (das 50. Lebensjahr vollendet, das 76. noch nicht begonnen).

Rauchdauer: Mindestens 25 Jahre Rauchen, ohne lange Unterbrechung.

Pack-Years: Mindestens 15 Pack-Years auf Zigaretten. Ein Pack-Year = eine Schachtel pro Tag über ein Jahr. Beispiel: 30 Jahre lang eine halbe Schachtel täglich ergibt 15 Pack-Years. Gelegentliches Rauchen reicht nicht.

Raucherstatus: Aktive Raucher — oder Ex-Raucher, deren Rauchstopp weniger als 10 Jahre zurückliegt.

Tabakprodukt: Es zählen ausschließlich Zigaretten. Pfeife, Zigarre oder andere Produkte berechtigen nicht zur Teilnahme, weil die Studiengrundlage nur Zigarettenraucher umfasst.

Ärztliche Eignung: Ein Hausarzt, Internist oder Arbeitsmediziner muss bestätigen, dass Sie medizinisch für das Screening geeignet sind.

Kein Einladungsschreiben: Anders als beim Mammografie-Screening werden Sie nicht automatisch angeschrieben. Sie müssen selbst aktiv werden.

So nehmen Sie teil — Schritt für Schritt

Schritt 1: Gespräch beim Hausarzt. Sprechen Sie das Thema aktiv an: „Ich habe von dem neuen Lungenkrebs-Screening gehört und möchte wissen, ob ich Anspruch habe.“ Ihr Arzt prüft die Kriterien, stellt die medizinische Eignung fest und führt das gesetzlich vorgeschriebene Aufklärungsgespräch mit Ihnen — über Nutzen, Risiken und mögliche Konsequenzen eines Befundes. Danach erhalten Sie eine Überweisung für die Radiologie.

Schritt 2: Termin beim Radiologen. Nicht jede radiologische Praxis darf das Screening durchführen — es braucht eine spezielle Genehmigung und zertifizierte Software. Das stellt sicher, dass die Untersuchung nach einem einheitlichen, geprüften Standard abläuft. Mit Ihrer Überweisung vereinbaren Sie den Termin.

Voraufnahmen mitbringen: Wenn Sie frühere Röntgen- oder CT-Aufnahmen der Lunge haben, bringen Sie diese mit. Ein Vergleich mit alten Bildern ist sehr wertvoll: Ein Herd, der seit Jahren unverändert ist, ist weitaus weniger beunruhigend als einer, der neu aufgetaucht ist.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Die Untersuchung ist für die meisten Menschen eine angenehme Überraschung — sie ist kürzer und unkomplizierter als erwartet.

Sie liegen auf einer Liege, die durch die ringförmige Öffnung des CT-Scanners fährt. Sie müssen kurz die Luft anhalten — meist nur fünf bis zehn Sekunden. Kein Kontrastmittel, keine Spritze, keine besondere Vorbereitung. Die eigentliche Aufnahme dauert weniger als eine Minute. Der gesamte Termin beim Radiologen inklusive An- und Ausziehen ist in den meisten Fällen in rund 30 Minuten erledigt.

Wie hoch ist die Strahlenbelastung? Das Screening verwendet ein Niedrigdosis-CT mit einer Strahlendosis von etwa 1 bis 2 Millisievert. Zum Vergleich: Die natürliche Hintergrundstrahlung, der wir alle täglich ausgesetzt sind, beträgt in Deutschland etwa 2 bis 3 Millisievert pro Jahr. Das Screening liegt also in derselben Größenordnung wie die Strahlung, die Sie ohnehin jedes Jahr aufnehmen. Die Belastung ist real, aber sie wurde sorgfältig gegen den Nutzen abgewogen.

Was bedeuten die Ergebnisse?

Negativer Befund: Kein auffälliger Knoten, kein Handlungsbedarf. Die Empfehlung lautet: in einem Jahr wiederkommen. Das Screening ist als jährliches Programm konzipiert.

Kontrollbedürftiger Befund: Die Radiologin hat einen kleinen Knoten gesehen, kann aber noch nicht sagen, ob er harmlos ist oder nicht. Das klingt beunruhigend — aber: Von allen Personen, bei denen beim Screening ein solcher Knoten gefunden wird, haben am Ende weit weniger als 1 % tatsächlich Lungenkrebs. Die überwältigende Mehrheit sind harmlose Narben oder gutartige Veränderungen. Die häufigste Empfehlung in diesem Fall: eine Kontroll-CT in drei bis sechs Monaten — kein Eingriff, kein sofortiger Handlungsbedarf.

Abklärungsbedürftiger Befund: Hier sind aktive nächste Schritte nötig — weiterführende Bildgebung, eine multidisziplinäre Besprechung in einem Lungenkrebszentrum oder in manchen Fällen eine Gewebeprobe. Auch hier gilt: Abklärungsbedürftig bedeutet nicht automatisch Lungenkrebs.

Zufallsbefunde: Das CT zeigt auch Teile des Herzens, der Gefäße, der Wirbelsäule und der oberen Bauchorgane. Manchmal findet die Radiologin dort etwas — zum Beispiel erhöhten Koronarkalk als Hinweis auf ein Herzrisiko — das im Befund dokumentiert wird. Das ist kein Nachteil des Screenings, kann aber weitere Untersuchungen nach sich ziehen.

Was das Screening nicht kann

Das Screening ist ein Frühwarnsystem — kein Allheilmittel. Es erkennt Frühformen des Lungenkrebses besonders gut, wenn der Tumor noch klein und weit außen in der Lunge liegt. Zentrale Tumore nahe den großen Bronchien können schwerer erfasst werden. Ein negatives Ergebnis schließt keine andere Lungenerkrankung aus. Bei Symptomen wie anhaltendem Husten, Bluthusten oder Atemnot wenden Sie sich bitte unabhängig vom Screening sofort an Ihren Arzt.

Die wichtigste Ergänzung: Rauchstopp

Das Screening kann Lungenkrebs früher erkennen — aber nicht verhindern. Der einzige Weg, das Risiko aktiv zu senken, ist der Rauchstopp. Auch wer seit 30 Jahren raucht und jetzt aufhört, senkt sein Risiko — messbar und deutlich. Screening und Rauchstopp sind keine Alternativen, sondern Ergänzungen.

Wichtige Neuigkeit: Seit Mai 2025 haben gesetzlich Versicherte mit schwerer Tabakabhängigkeit Anspruch auf apothekenpflichtige Entwöhnungsmedikamente — auf Kassenrezept. Sprechen Sie Ihren Hausarzt auch darauf an.

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an Ihren behandelnden Arzt.

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